Sommerseminar Weimar 2004 PDF Drucken E-Mail

XVI. Sommerseminar vom 23.08.-03.09.2004
in Weimar (Hedwig - Pfeiffer - Haus)



ssw_2004_bauer_und_mutz.jpg „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise...“ (Hesse) hatte die Möglichkeit, dieses sehr inhaltsreiche Sommerseminar mit seinen großen und kleinen Eindrücken und seinen Vielseitigkeiten zu erleben. Dieses begleitende Tagebuch ist etwas ausführlicher angelegt, da auch persönliche Erfahrungen und Erlebnisse mit einfließen.


Ich hoffe und wünsche mir jedoch, dass sich alle Teilnehmer und Freunde in diesen Aufzeichnungen und Zeilen wiederfinden werden:

Montag, 23.08.2004

Mit interessanter Programmgestaltung startete das Sommerseminar am Montag, den 23.08.2004, um die Teilnehmer persönlich kennen zu lernen. Hierzu dienten Abbildungen auf ausgewählten Kalenderblättern, um anhand von persönlichen Erinnerungen, Ereignissen und Erfahrungen sich etwas näher vorzustellen.

Die Motive wurden dann für alle sichtbar im Raum angebracht, damit die Vorstellungsrunde und deren Teilnehmer nie in Vergessenheit gerieten. Die Motivwahl, die mündlichen Vorstellungen ließen uns nun langsam zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen. Es folgten am Abend noch einige Sortierungsspiele nach Merkmalen der Anwesenden nach Größe, Augenfarbe, Haarlänge, Geburtstagsdaten, und jeder in der Runde war mit Freude dabei, seinen Platz im Teilnehmerfeld zu suchen und später dann sicherlich auch zu finden..

Die angereisten Gäste waren nach ihren Heimatorten deutschlandweit verstreut, sogar aus Italien wurde angereist. Die Verschiedenartigkeit der Herkunftsgebiete, der Berufe, der Alterszusammensetzung und nicht zuletzt auch der Interessen wurde gut überbrückt, jeder brachte sich mit seinen Fähigkeiten und Interessen in das Gemeinschaftsleben ein.

Dienstag, 24.08.2004

Für die sportbegeisterten Kursteilnehmer beginnt während des Seminars der Tagesablauf mit morgentlichen Yoga-Übungen. Das Yoga-Programm mit dem schönen Namen „Kreis der Freude“ (italienisch: circolo della gioia) verbindet die sportliche Betätigung mit der Bewegung in der freien Natur, was Balsam für Körper, Seele und Geist darstellte.

Nach der Andacht: Thema: „Was ist Demut ??- und der Wert der verschiedenen Charaktere der Menschen für die persönliche Entwicklung“ verbrachten wir den Vormittag mit nonverbaler Kommunikation (NVK) mit Nachbauen eines entworfenen Originals mittels Holzbauklötzern. Dabei wurde das Spielfeld (Tischplatte), das „Original“-Spielfeld und das „Abbild“-Spielfeld durch eine Trennwand (Leinentuch) geteilt. Mittels nonverbaler Kommunikation (Finger- und Handbewegungen, ohne Lautsprache) wurde der Spielpartner in die Lage versetzt, das Original Baustufe für Baustufe nachzubauen. Bei einwandfreier Kommunikation musste das Original identisch mit dem Abbild/ Nachbau sein. Die Ergebnisse ließen jeweils Rückschlüsse zu auf das kommunikative Verständnis sowie auf eventuell auftretende Kommunikationsprobleme der Spielpartner. Weiter erhielten wir Kenntnisse vom Finderalphabet und Ablesübungen vom Mundbild.

Die Nachmittags- und Abendgestaltung wurde durch interessante Fachvorträge von Frau Schädel bzw. Herrn Dr. Wieczorek ausgefüllt. Sie berichteten über die Wohlfühl-Wirkungen des ausgeglichenen Säure-Basen Körperhaushaltes in der biochemischen Umsetzung bei der Nahrungsaufnahme bzw. Ernährung. Entsprechende Körperübungen ergänzten den interessanten Vortrag. (Frau Schädel)

Herr Dr. Wieczorek berichtete über die Auswirkungen von bestimmten Medikamenten auf die Hörfunktion. Interessante Neuigkeiten erfuhren die Kursteilnehmer auch über die heilende Wirkung des Gingko-Extraktes, sowie die sinnbildliche Form des Gingko-Blattes, die bereits Goethe in seinen Lyriken und (Liebes- )Gedichten beschrieben hat.

Mittwoch, 25.08.2004

In der Morgenandacht von Frau Trappe wurde Begegnungen in Frankreich erzählt, und das Gott jedem Menschen in seiner Individualität annimmt, jedem zulächelt.

Die Übungseinheit „ Hörtraining“ beinhaltete die verschiedenen Höreindrücke mit Hörgerät mit Mikrofon bzw. induktives Hören mit „T-Spule“ zu trainieren und beide Eindrücke am Ende der Übung zu vergleichen. Dazu wurden hinter einem Vorhang banale, einfache Geräusche aus dem Alltag (Kesselpfeifen, Zeitungsrascheln, Buch zuklappen, Klingel usw.) imitiert und die Teilnehmer mussten versuchen, die gehörten Geräusche jeweils zu einer der in Tabelle vorgegebenen Auswahlmöglichkeiten der Höreindrücke zuordnen. Die Auswertung ergab, dass je nach Hörschädigung induktives Hören bzw. Hören über Mikrofon bevorzugt wurde.

Nachmittags wurde eine umfangreiche Stadtführung durch die Innenstadt von Weimar angeboten, und Frau Trappe berichtete und gebärdete mit großem Geschick an historischen Plätzen, Gebäuden, Stadtschloss und Grabstellen der klassischen Stadt Weimar. Wir erhielten einen historischen Abriss über den Beginn und die Blütezeit der Klassik in Weimar, erfuhren Wissenswertes aus dem Leben von Goethe, Schiller, Wieland, Falk sowie Frau Goethe geb. Vulpius, Albert Schweitzer, Cranach. Nach der Besichtigung des historischen Marktplatzes traf sich ein Teil der Gruppe zu einer gemütlichen Kaffeerunde mit Eierkuchen und Apfelmus. Es wurden Reiseeindrücke aus Irland dargeboten, und die „Philosophen“ unter uns diskutierten und philosophierten über die möglichen Erscheinungsformen der Zeit, ein sicherlich schwieriges, jedoch sehr interessantes Thema . Der schönste Garten von Weimar befindet sich im Hof des bekannten Kirmes-Krakow-Haus mit wunderschönen Blumenrabatten, die aufwendiger Pflege bedürfen.

Der Abend brachte uns neue Erfahrungen, und seelische Entspannungen bei den meditativen Tänzen, und ausgewählter Musik aus Irland, Ungarn, Israel und Frankreich (Taize). Die Schwierigkeit bestand darin, die Schrittfolge in Einklang mit dem jeweiligen Grundtakt der Tanzes zu bringen, Vorder- und Nebenmann (oder –frau) halfen, das entsprechende Taktgefühl wieder zu erfahren. Die seelische Entspannung bei Aufnahme von Musik und Tanz wurde als eine besondere Eigenheit dieser Tänze erkannt. Frau Wunschik brachte uns die Symbolik dieser Tänze nahe ( z. B. die Handstellung beim Reihen -und Kreistanz symbolisieren Geben und Nehmen), es wurde erfahren vom Wert der persönlichen Einschätzung des Spielraumes von Distanz und Nähe zu den Mitmenschen, aber auch zu wichtigen richtungsweisenden Alltagserlebnissen. Die Schrittfolgen und deren Zusammensetzung (vor, zurück, seitwärts) beim Tanz bekamen somit eine auf dem ersten Blick wohl kaum vermutete praktische Bedeutung für die eigene Lebensführung. Die einfühlsamen Geschichten vom Sinn des Lebens, vom Wachsen und Werden, sinnlich vorgetragen von Frau Wunschik, werden helfen, bleibende Erfahrungen in den Alltag mit hinüberzunehmen.

Donnerstag, 26.08.2004

Die Andacht am Donnerstag warf die Frage auf : Wer ist Ansprechpartner, wenn die Familie, wenn sich Freunde abwenden bzw. die Probleme nicht mittragen wollen und können? Es wurde erfahren, dass Gott für jeden Menschen als Partner in der seelischen Not da ist.

Neben den gewohnten täglichen Geh-Übungen, den Übungen des Fingeralphabets, lautsprachbegleitenden Gebärden erfuhren wir einiges über Gebärden der Zeit : Zahlen, Monate, Jahreszeiten, früher, später (unbestimmte Zeitformen).

Es folgten Entspannungsübungen, vorgetragen von einer jungen Frau, um die Balance zwischen Entspannung und Arbeit zu finden. Mit der Entspannungsübung „ Das meditative Kreuz“ konnte jeder Teilnehmer erfahren, wie er den aktiven Schwerpunkt seiner Haupttätigkeiten (schöpferisch-geistig oder körperlich-arbeitend) im gewöhnlichen Alltag legen sollte, um wieder ins körperliche und seelische Gleichgewicht zu gelangen. (Gegensteuerung zur aufgetretenen Ausfallrichtung des Körpers beim ruhenden Kreuz)

Das Programm am Nachmittag brachte für uns eine umfangreiche Betriebsbesichtung des Hörgeräte-Werkes in Sömmerda. Wir konnten den Fertigungsablauf der Hörgeräte von der passgenauen, computergestützten Entwicklung des Ohrpassstückes (Otoplastik) , sowie die mikrotechnische Anordnung der elektronischen Bauelemente in den IO-Hörgeraten an- hand von Beispielkonstruktionen, den Aufbau der Hörgeräte-Grundkörper und Gehäuseteile mit Laseraufbau kennenlernen. Betriebsleitung, Fachpersonal und Mitarbeiter|innen in der Montage und Otoplastikproduktion und –reparatur beantworteten bereitwillig Fragen der Kursteilnehmer. Der Betrieb besitzt ausgezeichnete Erfahrungen in der Anwendung von neuartigen Stromversorgungsalternativen von Hörgeräten mittels langlebigen Akkumulatoren, wodurch der bisherige Batteriebetrieb und -tausch zukünftig entfallen könnte. Der Tag klang mit einer geselligen Runde am Abend aus.

Freitag, 27.08.1004

Die Morgenandacht von Johannes Brehm nahm Anschluss an die Zeitdiskussion im Kaffeegarten von Weimar (25.08.). Während die verschiedenen Weltkulturen (abendländische Kultur, Buddhismus usw.) verschiedene Zeitvorstellungen haben. (lineare – d.h. die Zeit wirkt als fortlaufendes Kontinuum, kreisförmig- die Zeitvorstellung folgt den Lebensrhythmus vom Wachsen, Werden und Verblühen und der Wiedergeburt), gibt es bei Gott keine Zeit, d.h. jeder Zeitpunkt ist Ewigkeit. (Bezug der verschiedenen Zeitformen im Johannes-Evangelium).

Neben den alltäglichen Übungen der lautsprachbegleitenden Gebärde erhielten wir heute eine Einführung in die rhythmische Gestaltung der Dialog- und Gesprächsituationen. Die Rhythmik dient dazu, Gesprächstempo auf die Dialogpartner abzustimmen, und zu lernen, einen zu empfindenden Rhythmus z.B. in der lautsprachbegleitenden Gebärde auf Alltagssituationen und Dialogsituationen zu übertragen. Wir hatten Übungen im „harten“ Vierteltakt (Marschrhythmus) sowie im „weichen, geschwungenen“ Dritteltakt (Walzerrhythmus). Durch Klatschübungen (Hand- und Fußarbeit) wurde versucht, den Unterschied der Taktgebung zu verinnerlichen.

Am Nachmittag besuchte uns Frau B.Trappe (Schwägerin von Frau Trappe), um die zur Verfügung gestellten Audiogramme (Hörkurven) der Seminaristen auszuwerten. Wir erfuhren Neuigkeiten über Auswertungsmöglichkeiten und wurden in die Lage versetzt, unser eigenes Resthörvermögen auch im Vergleich zu verschiedenen Audiogrammen besser einzuschätzen. Grundlage dieser Auswertung ist der Freiburger Sprachtest, wodurch in verschiedenen Frequenzen (Hz) eine Beschallung mit Zahlen und einsilbigen Worten mit verschiedenen Lautstärken (db) erfolgt, um den sogenannten Schwellenwert zu bestimmen. Anhand der Hörkurve, der Abweichungen des Graphen im Audiogramm von der Normlinie bzw. Abweichungen der Hörleistung bei Knochen- bzw. Luftschallleitung wurden ansatzweise Ursachen der Hörschädigung (Schallleitungs-, Mittelohr- bzw. Innenohrschwerhörigkeit) erörtert. Der Tag wurde mit einem Abendspaziergang im Ilmpark beendet.

Sonnabend, 28.08.2004

Die Morgenandacht von Frau Becker gab zu bedenken, dass Gott immer da ist, auch wenn uns der Mut verlässt, vergleichbar etwa mit der Sonne hinter den Wolken. Die Sonne ist nicht immer sichtbar, aber sie ist immer da.

Am Sonnabendvormittag unternahmen wir einen Tagesausflug nach Zeitz, um die Michaeliskirche zu Zeitz zu besichtigen. Wir besuchten den Kircheninnenraum, um zahlreiche wertvolle Relikte, Apostel als geschnitzte Holzfiguren und Altäre in Augenschein zu nehmen. Die Kirchgemeinde in Zeitz ist Eigentümerin von einem der wenigen Nachdrucke der 95 Lutherthesen. Es wurde festgestellt, dass die Bausubstanz der Kirche in Zeitz von verschiedenen Baustilen (u.a. Spätgotik) geprägt ist, d.h. vermutlich dauerte der Kirchenbau eine längere Zeitspanne.

Danach verbrachten wir einen sonnigen Tag in der Landesgartenausstellung. Beeindruckend gestaltet wurde die vielfältige Blumenpracht, geordnet nach jeweiligen Blumen- und Pflanzengattungen. Es gab viele Anregungen für Landschafts- und Gartengestaltung. Sehr schön gestaltet waren die Dahlienrabatten in ihrer harmonischen farblichen Pracht von zitronengelb, sonnengelb und orange, sowie die Lutherrose mit dem tiefroten christlichen Kreuz im Zentrum und hellblauen Blüten als Symbol für den Himmel, gestaltet aus einer Vielzahl von Blumensortimenten.

Tiefgründige Gespräche über Kirchentradition, Unterschiede der katholischen und evangelischen Weltanschauung, die Unterschiede der Betrachtung und Bewertung der Bedeutung des Heiligen Sakraments bei evangelischen und katholischen Christen, gaben einen erlebnisreichen Tag einen besinnlichen Ausklang.

Sonntag, den 29.08.2004

Heute fand der Gottesdienst 9.30 Uhr in der Herder-Kirche im Zentrum von Weimar statt. Die Kursteilnehmer wurde persönlich von der Pastorin begrüßt. Dankbar nahmen wir die technische Möglichkeit der Kirche des Hörens mittels induktiver Funktion in Anspruch. Es war Sonntag, es war ein Sonnentag – und die Mädels und Jungen feierten im kirchlichen Rahmen das Fest der Schuleinführung. Die Pastorin erzählte über das Sinnbild des Schirmes als Schutzfunktion gegen starken Regen, aber auch gegen zu starke Sonneneinwirkung im Alltag. Gemeint, und auch gut erläutert, wurde die über den Symbol des Schirmes stehende Schutzfunktion Gottes, der auch die Schulanfänger| innen und alle Mitmenschen vertrauen dürfen. Etwas verlegen, jedoch nicht ganz ohne Stolz hielten die Schulanfänger| innen die großen bunten Zuckertüten in die Höhe : bereit für das Lernen mit Freude und mit viel Neugier auf das Leben.

Der Spaziergang durch den Ilmpark , vorbei am Gartenhaus von Goethe, diente der willkommenen Entspannung von Körper, Seele und Geist. Interessant und viele neue Erfahrungen bringend war der Austausch über Möglichkeiten, mittels eines bestimmten Wortschatzes Seelenzustände erlebbar und begreifbar dazustellen. Anhand des Wortes LIEBE wurde festgestellt, dass der verfügbare Wortschatz der Menschen verschieden ist, dass andererseits der Wortschatz der deutschen Sprache an sich bei diesem Beispiel keine Differenzierungen zulässt. Vergleichend wurde festgestellt, dass dem deutschen Wort LIEBE das Griechische mindestens drei „LIEBEN“, drei Zustände kennt — Eros, Philia, Agape, sich also Seelenzustände besser beschreiben lassen. Kurz angerissen wurde die Bedeutung der Schwellenrituale in Umbruchsituationen und neuen Lebenssituationen bei Heranwachsenden.

Am Nachmittag war ein Besuch der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald auf dem Ettersberg geplant. Ein Teil der Seminargruppe nutzte die Möglichkeit, einiges über die dunkelste deutsche Vergangenheit an Originalplätzen zu besichtigen. Die Sonne schien, aber diese hatte nicht die Kraft, unsere Herzen zu erwärmen, um uns vorzubereiten auf jenen denkwürdigen Gang, den vor über 60 Jahren viele Menschen nur zwangsweise und unter Folter und Qualen passieren konnten.

Als stumme Zeugen der NS-Zeit traten sie uns gegenüber: der Carachoweg, die Bahnstation Buchenwald : oft Ausgangspunkt für den Abtransport der Häftlinge in die Vernichtungslager im Osten, die Kommandozentrale mit Lagertor und der zynischen, schmiedeeisernen Inschrift „ JEDEM DAS SEINE“ (nur von innen lesbar, begreifbar, erlebbar, bei verschlossenem mehrfach gesichertem Lagertor), der Bunker als Folterstätte und Ort der letzten Stunden (u.a. Zelle von Paul Schneider ,dem Pfarrer von Buchenwald) vieler unschuldiger Häftlinge aus ganz Europa, das Krematorium, die Vernichtungs- und Erschießungsanlagen, der Appellplatz, die Wachtürme.

Die Baracken sind längst zerfallen, aus dem Schlot des Krematoriums entweicht kein Rauch mehr, das Ziffernblatt am Kommandoturm zeigt 15.15 Uhr: die Stunde der Befreiung, ruhig ruhen der Appellplatz und die Blutstraße, aber alle Teilnehmer der Gruppe waren erschüttert und sichtlich berührt, von dem Unfassbaren, was nicht fassbar werden sollte. Es geschah in der Nähe der Stadt Weimar, der Stadt der Klassik, der Kunst und Kultur – wo deutscher Schöngeist klugen deutschen Köpfen entsprang, an jenem Ort, wo Goethe in früheren Zeiten mit Charlotte von Stein lustwandelnd durch die Buchenwälder zog (Goetheeiche), genau an jenem Ort bekam Buchenwald einen ganz anderen – lebensfernen – Sinn. Buchenwald wurde der Name für ein berüchtigtes Konzentrationslager in der NS-Zeit, wo Menschen und mit ihnen Schöngeist vernichtet wurde. Keine Worte wie „Nackt unter Wölfen“ (Bruno Apitz), oder „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ (Paul Celan) können das damals Erlebte, die Qualen und Ängste, die Ungewissheit der Lebensperspektive auch nur annähernd wiedergeben.  Den Abschluss bildete ein Gang über die Straße der Nationen (aus ganz Europa) und zum Glockenturm, Gedenken zeigend den Nationen, deren Häftlinge den mordenden Energien der Nationalsozialisten zum Opfer fielen.

Ein aufregender und nachdenklicher Tag ging zu Ende. Früh am Tag erlebten wir die Feier der Kinder mit Kinderlachen, mit Sonnenschirmen und bunten Luftballons beim Gottesdienst, nachmittags wurde die Vernichtung des Lebens seelisch verarbeitet. Die Polarität des Lebens, zwischen Wachsen und Vergehen, wurde heute an einem einzigen Tag berührend erlebbar.

Montag, 30.08.2004

Die Andacht am Montagmorgen von Johannes Brehm beinhaltete den Umgang mit dem Mythos „Engel“. Es wurde gedanklich verarbeitet, was der bekannte Pater Anselm Grün invielen seiner Bücher beschrieben hat: den Engel als unsichtbares Bindeglied zwischen Gott und Mensch, Engel als Helfer, um den rechten Weg zu finden, als Helfer, um uns vor Gefahren zu schützen.

Im Verlauf des Vormittags folgte dann die Selbsteinschätzung der Kursteilnehmer über das eigene Empfinden der Höreinschränkung sowie daraus ableitend: Bewertung des eigenen Sprachtempo, der Lautstärke und Deutlichkeit der Aussprache, der Mundbildgestaltung zum Ablesen usw. Empfehlungen und Ratschläge der Kursteilnehmer untereinander rundeten die Unterrichtseinheit ab. Im Fach Hörtaktik beschäftigten wir uns mit Fragen: wie können wir trotz Höreinschränkungen Alltagssituationen (beim Arzt, im Büro, bei der Bank, im Bahnhof usw.) vorteilhaft für uns gestalten. Beim Nachspielen ausgewählter Situationen durch Rollenspiele wurden auch praktische Empfehlungen weitergegeben (Hinweis auf Hörschädigung, Passagen schriftlich erläutern lassen ...). Es wurde auf das Grundproblem aufmerksam gemacht, dass Hören nicht gleich Verstehen ist.

Im Laufe des Tages besuchte uns Frau Kerstin Kluge aus Nossen, um den Lehrgang zeitweilig zu begleiten. Ihr gelang es, mit der interessanten Abendgestaltung uns einen Einblick in das Schaffen und Wirken des Künstlers Ernst Barlach zu vermitteln. Das Außergewöhnliche an Barlachs Werken ist die Darstellung des einfachen und auch des leidenden Menschen in vielen Werken. Aus diesem Grund gehörte die Kunst Barlachs während der NS-Zeit zur entarteten Kunst.

Dienstag, 31.08.2004

Die Morgenandacht wurde heute von Frau Kluge vorgetragen. Das Thema beantwortete die Frage nach dem roten Faden im Leben der Christen: das Leben nach den Regeln der zehn Gebote. Es wurde auf die Sonderausstellung „Die zehn Gebote“ im Hygienemuseum in Dresden im Herbst diesen Jahres hingewiesen.

Auf dem Gebiet der Hörtaktik wurden wir durch einen Vortrag über die Folgen von Hörstress von Frau Mendler geschult. Wir konnten erfahren, dass Stress in bestimmten Grenzen auch positive Wirkungen auslösen kann (z. B. freudige Erwartung auf Besuch, Erwartung von  Mutterfreuden bei anstehender Geburt). Die meisten Wirkungen des Stresses allerdings sind gesundheitsschädigend, was alle Teilnehmer aus eigener Lebenserfahrung selbst erleben konnten.

Der Nachmittag stand zur freien Verfügung. Viele unternahmen einen Spaziergang im schön gelegenen Ilmpark. Einige besuchten das Weimar-Haus, in dem in einem 30-minütigen Abriss über die Geschichte der Stadt Weimar von der Besiedlung, über das Mittelalter bis zur hohen Blüte der klassischen Zeit berichtet wurde, mit Spezialeffekten aus Musik, Kulissentechnik, Beleuchtung und Geräuschimitation. Wohlwollende und begeisterte Touristen aus aller Welt bezeugten mit ihrem Eintrag im Gästebuch von einer gelungenen Attraktion für die Weimar-Touristen und Geschichtsinteressierten, die Gründung erfolgte aus Anlass der Europa- Kulturstadt Weimar im Jahr 1999 . Nach dem Eisessen (Zimt- und Pflaumengeschmack) in der italienischen Eisdiele wurde am späten Nachmittag der Heimweg durch den Ilmpark angetreten.

Die Abendgestaltung übernahm Herr vom Bauer mit einem interessanten und gut recherchierten Vortrag über die Problematik der CI-Implantation. Neben der technischen Ausrüstung des CI-Implantats, wurden auch die bioelektrischen Vorgänge in der Schnecke (Cochlea) und in der Hörbahn anschaulich dargestellt. Es wurde erklärt, dass durch Ausfall der Funktion der Flimmerhärchen im Ohrteil der Schnecke (Cochlea)(Innenohr), die Hörnerven über Elektroden in der Schnecke durch bioelektrische Impulse durch einen technischen Impulsgeber in die Lage versetzt werden, wieder akustische Laute aufnehmen zu können. Weiter wurde berichtet, dass eine CI-spezifische Nachsorge unbedingt erforderlich ist, um die neuen Geräuschsempfindungen (blechern) besser verstehen und verarbeiten zu können, um die Anpassung an das neue Hörempfinden meistern zu können. In Abhängigkeit von Alter und Intelligenz des Betroffenen wurde über die Zweckmäßigkeit von Tragen bzw. Nichttragen von CI-Implantaten diskutiert. Auf die sozialen Probleme im Umgang mit den Menschen bzw. Partnersuche und -findung von Hörgeschädigten wurde hingewiesen.

Mittwoch, 01.09.2004

Die Andacht von Frau Trappe beinhaltete den ideellen, anschaulichen Wert von „Blumentöpfen“ und den Nutzen von Zerbrochenem für unser Seelenleben. Es wird berichtet, dass auch – und gerade – Verlusterlebnisse und Enttäuschungen die Persönlichkeit formen und reifen lassen. Die Scherben des Blumentopfes sind im übertragenen Sinne die neuen Wachstumskerne, die unserer Entwicklung gut tun.

Nach den alltäglichen Übungen der lautsprachbegleitenden Gebärde und der Arbeit in den Gruppen wiederholten wir noch einmal die Kommunikationsübung „Bauklötzer“, allerdings in anderer Zusammensetzung der Spielgruppen. Es zeigte sich, dass wir durch die täglichen Übungen viel geschickter in der Erklärung mittels Handzeichen geworden sind.

In einem informativen Vortrag von Frau Cordelia Kothe vom Fachintegrationsdienst aus Suhl wurden aktuelle arbeitsrechtliche Belange für behinderte Arbeitnehmer erläutert. Es wurde festgestellt, dass auf Grund der wirtschaftlich schwierigen Situation in Thüringen, verstärkt auch Behinderte von Kündigungsabsichten bzw. von betrieblichen Umsetzungen an andere Arbeitsplätze (Ausweicharbeitsplätze) betroffen sind. Der Fachintegrationsdienst unterstützt den behinderten Arbeitnehmer bei arbeitsrechtlichen Belangen und betrieblichen Verhandlungen um den Arbeitplatz, oft werden tragfähige Kompromisse geschlossen, um die Integration der Betroffenen in das Arbeitsleben zu ermöglichen.

Ein geselliger Abend mit vielen unterhaltsamen Spielen ( Der Mond ist rund..., Der lange Weg durch die Wüste...., pantomimische Erklärungen von Sprichwörtern und deutschen Stadtnamen, Spiele, in denen sich Spielpartnerduos nach Losentscheid suchen und finden mussten : Gärtner und Blume, Gastwirt und Gast, Liebespaar: Dame und Herr, Polizist und Krimineller usw. ) ließen all unsere Herzen höher schlagen und uns das nahende Ende dieser beiden Urlaubswochen vergessen. Manch einer entdeckte hierbei sein ungeahntes schauspielerisches Talent. Wieder konnten wir erfahren, wie das Lachen, der Frohsinn und das Leben in der Gemeinschaft der Gesundheit und dem Wohlbefinden förderlich sind.
 

Donnerstag, 02.09.2004

Der Donnerstag begann –wie immer – mit Yoga-Übungen. Die Morgenandacht von Johannes Brehm vermittelte den Wert des Naturerlebens. Anschaulich wurde anhand von verschiedenen Formen von Rasenbänken sowie vom meditativen Ruhen auf diesen Bänken erzählt. Wir erfuhren , dass selbst Goethe diesem Zauber erlegen war: dem nahen Zusammenwirken von Mensch und Natur, und den seelischen Wirkungen der Natur auf dem Menschen: Sonne sehen und genießen, Regen spüren, Wärme und Kälte empfinden, Düfte und Vogelzwitschern wahrnehmen. Wir erfuhren in dieser Andacht den Menschen als einen Teil der Natur. Passend zur Andacht wurde das Lied „ Der Morgen bricht an....“ gesungen, jenes melodisch so harmonische Lied, das Sänger Cat Stevens eindrucksvoll als Ballade in die Reihe seiner Meisterwerke mit aufgenommen hat.

Am letzten Tag folgten Ablesübungen vom Mundbild über „freie Themen“. Dies war im Vergleich zu den anderen Übungen schon die höhere Stufe, da an anderen Tagen das Thema der Ablesübung bereits vorgegeben wurde, also Worte und Themenzusammenhänge besser zu erkennen waren. In Anbetracht der Kürze des Lehrganges waren die Leistungen doch recht zufriedenstellend. Es wird davon ausgegangen, dass maximal 30 Prozent des Gesprächsinhaltes über die Form des Mundablesens aufgenommen werden kann, da die Augen nicht zwischen stimmhaften und stimmlosen Buchstaben unterscheiden können und so wichtige Informationen für die Erkenntnisgewinnung und Erschließung aus dem Kontext fehlen.  Zur Festigung des Taktempfindens wurden noch einmal – diesmal paarweise – verschiedene Rhythmen in Drittel- und Vierteltakt geprobt. Den meisten Teilnehmern gelang es, den allgemeinen Gruppenrhythmus zu folgen, sicherlich auch ein Zeichen vorhandener Gruppenharmonie .

Nach dem Mittagessen begannen die intensiven Vorbereitungen zu unserem Abschlussabend. Federführend und als Moderatorin verstand es Christiane Mutz sehr gut, auch die organisatorischen Belange des Abschlussabend abzusichern. Jeder brachte seine Fähigkeiten zum Gelingen des Abends ein. Der Raum und die Abendtafeln wurden festlich gestaltet und eingedeckt (Naturtischschmuck, gesammelt von Frau Wagner) und ein reichhaltiges Abendbrot mit auserlesenen Buffet stand bereit.  Was bereits vorher in den Gruppen sorgfältig geprobt wurde, sollte für die Seminarleitung und letztendlich für alle zur Überraschung werden.

Das Abschlussprogramm war so aufgebaut, dass noch einmal verschiedene Situationen aus dem Seminarleben nachgespielt werden sollten. Anhand von einer selbstgestalteten Landkarte (Folie auf Polylux) musste Herr vom Bauer die Wohnorte der Teilnehmer herausfinden und in die Karte (Folie) eintragen. Hier konnte Herr vom Bauer aus Solingen (der Mann aus der schärfsten Stadt Deutschlands) seine ausgezeichneten geographischen Kenntnisse unter Beweis stellen. Es folgten verschiedene Spiele mit Gebärden mit spaßigem Ausgang (Frau Mutz/ Herr Brehm), das Rollenspiel der „verflixten“ Bahnhofsituation Weimar/(Weida) (Frau Elle, Frau Wagner, Herr Kühn), Rezitationen von Goethes Osterspazierganges (Frau Zepner-Jankov, Herr vom Bauer).

Mit einer symbolisch gestalteten Yoga-Übung (Frau Brändli) aus zwei konzentrischen Kreisen, gebildet aus den Teilnehmern, begegneten sich in einer meditativen Stimmung nochmals alle Mitglieder des Seminars. (fester äußerer und rotierender innerer Kreis), um voneinander Abschied zu nehmen und auch zu danken ( ich bin gekommen - um mich zu öffnen - ich danke Dir - ich kehre zu mir zurück).

Nach der Rezitation des Gedichtes „Stufen“ von Hermann Hesse (Herr Kühn) erfolgte die Übergabe der Geschenke (Frau Zepner - Jankov) an die Mitglieder der Seminarleitung. Zum Andenken an diesem schönen Abend, an die vielen Gespräche und Begegnungen überreichte Frau Mutz an die Seminaristen sinnliche Karten mit Sprüchen von Albert Schweitzer. Ein denkwürdiger Abend ging zu Ende, während zu gleicher Zeit inmitten von Weimar durch einen Brand in der Herzogin Amalia Bibliothek Bücher und Kunstwerke unwiederbringlich verloren gingen.

Freitag, 03.09.2004

Nach der letztmaligen Yoga-Übungen, Kofferpacken, Kaffeetrinken und Frühstück trafen sich alle noch einmal, um zum Schluss in dem Seminarraum, der in den letzen beiden Wochen zu einer Art Heimat geworden war, um den Reisesegen zu empfangen. Ein ereignisreiches Seminar, in dem sich bislang fremde Menschen kennen lernten, mit all ihren Erfahrungen, Erlebnissen, Enttäuschungen und auch Freuden, haben wir alle voneinander gelernt und für die persönliche (seelische) Entwicklung in der Verarbeitung der Erfahrungen, Erlebnisse und des Austausches viel erfahren.

Ein herzlicher Dank gilt allen, die zum Gelingen des erlebnisreichen Seminars beigetragen haben.

Ihr und Euer Jens Kühn

aus Saalfeld an der Saale

XVI. Sommerseminar vom 23.08.-03.09.2004
in WEIMAR/ Thüringen

Ort: Hedwig- Pfeiffer-Haus ,Arnold-Böcklin-Straße 2, 99 425 Weimar

Seminarleitung: Frau Becker, Elisabeth Zeitz

Frau Trappe, Waltraud Eisenach

Herr Brehm, Johannes Großtöpfer

Frau Kluge, Kerstin Nossen
 

Teilnehmer: Frau Brändli, Inge Gorzegno, Italien

Herr vom Bauer, Hans-Dieter Solingen

Frau Elle, Sabine Berlin

Frau Mutz, Christiane Quedlinburg

Frau Pflug Hanau

Herr Schindler, Heiko Magdeburg

Frau Wagner, Anna-Rosa Berlin

Frau Wolf, Annemarie Hanau

Frau Zepner-Jankov, Regina Dortmund

Herr Kühn, Jens Saalfeld /Saale (Autor)

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