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Schwerhörige und Ertaubte in Kirche und Gesellschaft PDF Drucken E-Mail

E. Becker: Schwerhörige und Ertaubte in Kirche und Gesellschaft

Unser Ohr ist ein wahres Wunderwerk. Es ist das Sinnesorgan, welches schon im Mutterleib die akustischen Signale aufnimmt und das Organ, welches als letztes Sinnesorgan im Tod seine Funktion aufgibt.


So schön ist Hören.
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Die Hörbehinderung ist eine unsichtbare Behinderung, die von Gesellschaft und auch von Kirche nicht genügend wahrgenommen wird. Hörbehinderung ist eine Kommunikationsbehinderung.
Jetzt soll es nur um die Gruppe der Schwerhörigen, Ertaubten und CI-TrägerInnen gehen.
  • Schwerhörig ist ein Mensch, der entweder zu leise, nur bruchstückhaft, falsch oder verzerrt die Sprache bzw. Laute oder Geräusche hört. Es gibt nicht den Schwerhörigen.
  • Ertaubt ist ein Mensch, der nach dem Spracherwerb nicht mehr hören kann und über das Ohr keine akustischen Signale mehr aufnehmen kann.
  • CI-TrägerIn ist ein Mensch, dem nach Ertaubung mittels einer Operation ein Cochlea Implantat eingesetzt wird. Er muss vollkommen neu hören lernen. Dies ist mit einem normalen Hören nicht zu vergleichen. Eine neue Generation von Schwerhörigen? Gesellschaft und auch Kirche möchten den Schwerhörigen integrieren. ...

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Hören ist eine Gabe, mitten im Leben zu stehen, unser Gehör ist unsere Orientierung in vielen Bereichen. Hören bedeutet sich wohl fühlen, heißt eingebunden zu sein in der Vielfalt der Töne und Geräusche, die uns ständig umgeben und ohne die wir uns einsam und abgekapselt fühlen würden, z.B. eine leise Musik im Hintergrund, das Zwitschern der Vögel, der Wind in den Bäumen, das Rauschen eines Baches, das Knirschen des Sandes, das Brutzeln der Speisen am Herd, das Gespräch der Menschen, das Fahren der Autos, die wichtige Durchsage am Bahnhof, der Klang der Schritte, das Weinen des Babys, es lässt uns Stimmungen erfahren, die uns in jeder Weise beeinflussen.

Es stimmt einfach: Hören ist Leben.

Unser Gehör hat viele Funktionen: es alarmiert und warnt uns, es informiert uns ständig darüber, was um uns vorgeht, es bereitet uns vielfach Freude, es hilft uns aber vor allem mit den Menschen zu kommunizieren, es ermöglicht erst unser eigenes Sprechen und damit die geistige und soziale Entwicklung von Kindheit an und aktiviert nachgewiesenermaßen unsere Gehirntätigkeit.
Die Denkfähigkeit des menschlichen Gehirns wird keineswegs allein durch die Nahrung gewährleistet, sondern hauptsächlich durch die stimulierenden Reize, die es von den Sinnesorganen empfängt.Und diese liefert zu 90 Prozent das OHR.

Das Gehör ist und bleibt der leistungsfähigste unserer Sinne!

Wir alle brauchen Geräusche und Töne, ob sie uns erfreuen oder nicht. Und wie viele Probleme sind letztlich Kommunikationsprobleme, weil das Hinhören nicht gelingt und das Gesprochene nicht im gewünschten Sinne ankommt.“
(Zitat aus Faltblatt: Wissenswertes zum Thema Schwerhörigkeit Österreichischer Schwerhörigenbund)

Aus einer Pressemeldung anlässlich des DSB-Kongresses am 29.09.2005 in Halle ist folgendes zu entnehmen:
19 % der deutschen Bevölkerung über 14 Jahre ist hörbeeinträchtigt, davon
- leichtgradig schwerhörig 56 % ca. 7,5 Millionen
- mittelgradig schwerhörig 35,2 % ca. 4,7 Millionen
- hochgradig schwerhörig 7,2 % ca. 1 Millionen
- an Taubheit grenzend schwerhörig, ertaubt, gehörlos 1,2 % ca. 0,2 Millionen
insgesamt 13,4 Millionen

Diese Zahlen stellen Gesellschaft und Kirche vor eine Herausforderung.
Die Hörbehinderung ist eine unsichtbare Behinderung, die von Gesellschaft und auch von Kirche nicht genügend wahrgenommen wird.Hörbehinderung ist eine Kommunikationsbehinderung.

Jetzt soll es nur um die Gruppe der Schwerhörigen, Ertaubten und CI-TrägerInnen gehen.
  • Schwerhörig ist ein Mensch, der entweder zu leise, nur bruchstückhaft, falsch oder verzerrt die Sprache bzw. Laute oder Geräusche hört. Es gibt nicht den Schwerhörigen.
  • Ertaubt ist ein Mensch, der nach dem Spracherwerb nicht mehr hören kann und über das Ohr keine akustischen Signale mehr aufnehmen kann.
  • CI-TrägerIn ist ein Mensch, dem nach Ertaubung mittels einer Operation ein Cochlea Implantat eingesetzt wird. Er muss vollkommen neu hören lernen Dies ist mit einem normalen Hören nicht zu vergleichen. Eine neue Generation von Schwerhörigen?

Gesellschaft und auch Kirche möchten den Schwerhörigen integrieren.

Ich habe einmal in einschlägigen Wörterbüchern nach gesehen:
- integratio, onis: die Erneuerung
- Integrieren: ergänzen, erneuern, vollständig machen
- Integration : Herstellung oder Wiederherstellung eines Ganzen; Einordnen eines Gliedes in ein Ganzes

Hans Neuhold, ein Schwerhöriger aus Österreich hat in seinem Vortrag: “Reich Gottes – Dazugehören auch ohne Ohr“ sehr kritisch die „Integration“ von uns Hörbehinderten hinterfragt.
„Ich möchte hier aber kritisch anmerken: Integration setzt voraus, dass jemand vorher draußen steht, aber: warum wurde er hinausgestellt? Welches Bild steht dahinter? Das Maß einer vollkommenen Welt? Der 100 %ig leistungsfähige Mensch allein? Wird das vorhandene Stückwerk dieser Welt wahr genommen? Als Voraussetzung verheißener Vollendung im Reich Gottes?Integration bedeutet also in etwas hineingenommen zu werden, ohne nachzudenken, ob dieses Bestehende selbst und an sich in Ordnung ist.

Daher möchte ich nicht integriert werden, sondern als Mensch angenommen, dort wo ich bin, integriert werden ist letztlich passiv, ich werde hineingenommen, ohne selbst es zu vollziehen und vielleicht zu wollen. Hier gebe es viel nach zu denken, wenn in unseren Kirchen Behinderte und Hörbehinderte „integriert“ werden sollen.“

Mir ist aufgefallen, dass im Deutschen Schwerhörigen Verband (DSB) die leitenden Ämter mit Schwerhörigen besetzt sind.
Der Schwerhörige nicht als „Behinderter“, sondern als Betroffener, einer, der sich hinein versetzen kann und weiß, wovon er redet. Die Hörbehinderten beim DSB-Kongress fühlten sich nicht als eine Menschengruppe, die betreut werden müssen, sondern die aus freien Stücken kamen, um zu hören, zu beraten und neue Wege zu gehen.

Der Hörgeschädigte muss als solcher von der Gesellschaft wahr genommen werden. - Dies geschieht nur, wenn der SH sich zu seinem So-Sein bekennt und sagt, wie er am besten verstehen kann. Die Technik und verschiedene Taktiken ermöglichen dem SH, auf seine Weise am gesellschaftlichen Leben sich zu beteiligen.

Nur: wo gibt es Höranlagen?
  wird so gesprochen, dass der SH optimal den anderen verstehen kann?
  wird mit allen technischen Möglichkeiten gearbeitet ( Overheadprojektor, Beamer)?
  wird dem SH zuerkannt, dass er sich mit seinen Fähigkeiten einbringen kann?

Wie sieht es in der Wirklichkeit aus?
  • in den öffentlichen Gebäuden keine Induktionsanlagen
  • das Wissen um die 20 % Hörbehinderten ist nicht vorhanden und dem zu folge auch nicht dasentsprechende Verhalten
  • das Gleichstellungsgesetz ermöglicht den SH Schriftdolmetscher an zu fordern. Nur wer nimmt die bürokratische Hürde auf sich und wer bezahlt dann schließlich den Schriftdolmetscher bzw. Gebärdendolm.?

-----Muss man sich als SH immer erklären?????

-----muss man immer als SH um Mitgefühl bitten?

„Sehr oft wird von Betroffenen eine Gemeinschaft als „gemein“ erlebt, er steht nicht wirklich drinnen, weil er nicht angepasst funktioniert, weil er als Hörbehinderter normale Abläufe behindert.

Wir müssen uns als Kirche immer wieder in Frage stellen lassen nach dem Ausspruch Christi: “Ich bin nicht gekommen, die Gesunden, die Satten, die Reichen und Zufriedenen zu retten, sondern die Armen, Ausgestoßenen, Behinderten, die, die am Rande der Gesellschaft stehen.“
Wir suchen oftmals die Mitte, aber eine Mitte wird immer von seinem Rand her bestimmt. Wenn die Ränder brüchig werden, wird auch die Mitte nur mehr schwer bestimmbar sein.
Für mich sind: Höranlagen
                       angenehme Raumakustik,
                       Taktik im Umgang
                       Einsatz von Schrift und Gestik
prinzipielle Voraussetzungen, die den Willen nach Annahme der Hörbehinderten zum Ausdruck bringen. Wenn bei diesen Grundvoraussetzungen die Frage nach der Finanzierbarkeit gestellt wird, dann kann ich erkennen, dass wir nichts wert sind. Das sind logische Fakten, mich abzuwenden.

Dennoch ist der Umgang mit Hörbehinderten mehr als eine Frage der Technik, Akustik und Taktik, es läuft auf die Frage hinaus:
Gehören diese Menschen zu uns? Wollen wir, dass sie zu uns gehören – dann müssen wir ihnen Hören und Aufnehmen ermöglichen – ohne Wenn und Aber.“

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