Fachtagung 2011
Bericht zur Fachtagung 2011 PDF Drucken E-Mail
Erschreckend wenige Teilnehmer saßen diesmal im Eröffnungsgottesdienst der Neudietendorfer Fachtagung, die vom  18.-20. Januar 2011 dazu einlud, Verkündigung und Seelsorge für kommunikationsbehinderte Menschen weiter zu verbessern, indem die Teilnehmenden neben konkreten Anregungen für die eigene Praxis auch Informationen zu aktuellen Entwicklungen, Einblicke in wissenschaft- liche Erkenntnisse und Beispiele zur Minimierung von Missverständnissen erhalten.

Die Referentin der ersten Arbeitseinheit Dr. Gesine Haerting, selbst schwerhörig und Audiotherapeutin in Halle, erklärt sich das so: „Ich habe noch die Klage von Rosemarie Muth (Referentin in 2010) gut in Erinnerung, dass das Thema Schwerhörigkeit bagatellisiert würde. Ich habe überlegt, ob es sinnvoll wäre, genau diese Bagatellisierung – und wie man sie aufbrechen könnte – zum Thema zu machen, also die Frage zu stellen: Wie kann ich meiner Gemeinde klar machen, dass Schwerhörigkeit ein Thema ist?“ Vor allem in den Ortsgemeinden verharmlosen demnach viel zu oft Betroffene selbst – obwohl Experten in eigener Sache – die Bedeutung kommunikativer Gleichberechtigung gegenüber den kirchlichen Mitarbeitenden, welche daher leider fast gar nicht von der Fachtagung Kenntnis nahmen. Stattdessen hatte sich ein erlesener Kreis von übergemeindlich mit Seelsorge Beauftragten und Engagierten gebildet, vor dem Dr. Haerting erfrischend anschaulich über das Thema „Alle verstehen Sie? - Chancengleichheit in der kirchlichen Kommunikation“ referierte, dem Pfarrer Markus Tschirschnitz, Vorstandmitglied der ESiD (Ev. Schwerhörigenseelsorge in Deutschland) aktuelle technische Möglichkeiten zur Seite stellte. Selbst langgediente Hasen spitzten da ihre Ohren und entdeckten für sich so manche Neuig- keit. Als kleine Hausauf- gabe für den Workshop tags darauf wurde zum Schluss Ohropax verteilt – verbunden mit der Frage: „Wie erlebe ich diesen Abend?“ Schon beim gemeinsamen Essen hielten es die ersten aber nicht mehr aus und befreiten sich von ihrer künstlichen Schwerhörigkeit. Wenn das nur immer so einfach wäre!

Am Abend kam die Gleichstellungsbeauftragte der EKM, Kirchenrätin Katja Albrecht zur Bibelarbeit über die Pfingstge- schichte generell und den Satz aus Apg. 2,8 speziell: „Wer versteht denn jetzt wen?“ Abwechslungsreich brachte sie die Teilnehmenden miteinander ins Gespräch darüber. Leider blieb jedoch die Chance ungenutzt, deren Kompetenzen aufzugreifen und zu fragen, wie die Bibelarbeit nun z.B. mit Schwerhörigkeit erlebt wurde. Am Kamin bei lockerer Feierabendatmosphäre klärte sich dann aber doch noch das eine oder andere – vor allem aber die Frage, inwiefern die Problematik „Gleichstellung“ nicht nur Männer und Frauen betrifft, sondern auch andere Gruppen, die innerkirchlich benachteiligt bis behindert werden. Die erfreuliche Antwort: mit der künftigen Stellenbeschreibung der/des Gleichstellungsbeauftragten werden auch weitere Formen von Diskrimi- nierungen in den Blick genommen – z.B. die des Alters genau so wie die von Behinderung.

Eine besondere Blüte der Gleichstellung behinderter Menschen ist in Frankfurt a.M. zu finden, die der Vorstandsvorsitzende der DAFEG (Deut- sche Arbeitsgemeinschaft für Ev. Gehörlosenseelsorge) und Frankfurter Gehörlosen-Pfarrer Gerhard Wegner den Teilnehmern am näch- sten Morgen vorstellte: „die Gehörlosengemeinde  in Frankfurt – Geschichte, Chancen und Grenzen“ der EKD-weit einzigen Personalgemeinde, die sich weniger über den Wohnort als viel mehr über die Sprache definiert. Diese Gemeinde ist wie jede andere zur Bildung eines Gemeindekirchenrates berechtigt und verpflichtet, zur Vertretung und Mitsprache auf überge-meindlichen Ebenen, zur Mitglieder- und Kirchenbuchverwaltung wie auch zur Spendenbescheinigung für das Finanzamt usw. Anbetracht aktueller Möglichkeiten – vor allem in der neuen Verfassung – fand diese Thematik großes Interesse, obwohl die Situation in der EKM sich doch deutlich von der eines Ballungszentrums wie Frankfurt unterscheidet. Trotzdem stellt sich auch hier die Frage, ob dies nicht den Menschen und ihrer Sprache angemessener wäre.

Angemessen sprachliche Kompetenz wurde anschließend in den Work- shops erarbeitet. Dr. Gesine Haerting ging ihr Thema des Vortages praktisch an, während Claudia Oelze, die dankenswerterweise die angekündigte DGS-Dozentin Katrin Koschollek vertrat, mit dem Teilneh- menden ihres Workshops den Gebärdensprachraum eroberte. Begeistert und bereichert gingen die Teilnehmenden anschließend in den ebenso spontanen zweiten Vortrag von Pfr. Wegner über die „Schritte zu einer Theologie der Gehörlosigkeit“. Hier zeigte sich, dass sich in den letzten Jahren doch eine ganze Menge getan hat und noch tut. Insbesondere solche theologische Arbeit machte Lust auf mehr...


Mit einigen aktuellen Informationen aus Kirche und Gesellschaft am nächsten Tag, vor allem aber mit den neuen technischen Möglichkeiten im Internet wandten sich die Teilnehmenden praktisch  schon den Aufgaben und Möglichkeiten gebärdensprachlicher Verkündigung und Seelsorge zu, die sie daheim erwarteten. Nach einem kurzen Rückblick und Ausblick mit Gebet und Reisesegen verabschiedeten sie sich von der Neudietendorfer Fachtagung 2011, der auch diesmal wieder eine gelungene Zweiteilung zwischen Schwerhörigen- und Gehörlosenseelsorge bestätigt wurde, wodurch jeder dieser Arbeitsbereiche gut zu seinem Recht kam. Nur die geringe Nachfrage vor allem seitens der Mitarbeitenden vor Ort warf einen kleinen Schatten auf eine inhaltlich und qualitativ sehr empfehlens- werte Möglichkeit zur fachbezogenen Aus- und Weiterbildung, die für mehrere Tage (ohne Mitglied sein zu müssen) Freunde und Fürstreiter barrierefreier Kommunikation aus Kirche und Gesellschaft zusammenbringt – wie z.B. bei der nächsten Neudietendorfer Fachtagung 2012.

Bilder: Markus Tschirschnitz / Text: Andreas Konrath

Materialsammlung für Teilnehmende mit Tagungsbeleg:

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